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\geometry{a4paper, top=25mm, bottom=25mm, left=25mm, right=25mm}

\title{\textbf{Das Triquetrum (Dreistab)}\\
\large Funktionsweise, historische Verwendung und mathematische Auswertung}
\author{Historische Astronomische Instrumentenkunde}
\date{1. Oktober 2026}

\begin{document}

\maketitle

\section{Was ist ein Triquetrum?}

Das \textbf{Triquetrum} (von lateinisch \emph{triquetrus} = „dreieckig“), im Deutschen oft als \textbf{Dreistab} oder \textbf{Ptolemäischer Stab} bezeichnet, ist eines der ältesten und bedeutendsten astronomischen Winkelmessinstrumente. Es wurde bereits in der Antike von Claudius Ptolemäus (ca. 100–160 n.\,Chr.) im *Almagest* ausführlich beschrieben und bis in die Frühe Neuzeit – unter anderem von Nicolaus Copernicus, Peter Apian und Tycho Brahe – intensiv genutzt.

Das Instrument besteht aus drei gelenkig miteinander verbundenen Stäben, die ein ebenes Dreieck bilden:

\begin{enumerate}
    \item \textbf{Der vertikale Standstab ($AC$):} Wird mit einem Senkel (Lot) exakt lotrecht aufgestellt und im Boden oder an einer Wand verankert. Er dient als feste Referenzachse.
    \item \textbf{Der Visierstab ($AB$):} Ist am oberen Ende des Standstabs ($A$) drehbar gelagert und besitzt Diopter (Visierblenden). Er wird direkt auf das zu beobachtende Gestirn gerichtet.
    \item \textbf{Der Maßstab / Skalenstab ($CB$):} Ist am unteren Ende des Standstabs ($C$) drehbar befestigt. Er ist mit einer präzisen Längenskala (lineare Unterteilung) versehen und gleitet am unteren Ende des Visierstabs ($B$) entlang.
\end{enumerate}

Der entscheidende Vorteil des Triquetrums gegenüber klassischen Gradquadranten lag in seiner Herstellung: Statt schwieriger kreisförmiger Gradskalen mussten lediglich **gerade Stäbe mit einer gleichmäßigen Längenteilung** präzise graviert werden.

---

\section{Wie wurde das Triquetrum genau verwendet?}

\subsection{1. Ausrichtung des Instruments}
Vor der Messung wird der vertikale Standstab ($AC$) mithilfe eines Lotes genau senkrecht ausgerichtet. Die beiden Drehpunkte $A$ und $C$ liegen somit auf einer exakten Lotrechten. Der Abstand zwischen den Gelenken $A$ und $C$ bildet die feste Grundseite $b$:
\[
AC = b = \text{konstant}
\]
In der Praxis wurde die Länge $AC$ oft auf $1000$, $10.000$ oder $6000$ gleiche Skaleneinheiten festgelegt. Der Schwenkarm $AB$ erhält exakt dieselbe Länge wie $AC$:
\[
AB = AC = b
\]
Damit bilden die Stäbe $AC$ und $AB$ ein **gleichschenkliges Dreieck** ($\triangle ABC$).

\subsection{2. Anvisieren des Gestirns}
Nachts wird der Visierstab $AB$ hochgeschwenkt und durch die Diopterblenden genau auf das Gestirn (z.\,B. den Mond, einen Planeten oder den Polarstern) ausgerichtet.

\subsection{3. Ablesen der Sehnenlänge}
Durch das Hochweiten des Visierstabs schiebt sich der untere Maßstab $CB$ mit. Am Schnittpunkt $B$ liest der Astronom die abgetragene Länge der Sehne $s = CB$ auf der linearen Skala ab.

\subsection{4. Mathematische Bestimmung der Zenitdistanz}
Aus der abgelesenen Sehnenlänge $s$ lässt sich der Zenitwinkel $z$ (Winkel zwischen der Vertikalen $AC$ und der Visierlinie $AB$) berechnen. Die Höhe des Gestirns über dem Horizont ($h$) ergibt sich anschließend einfach als Komplementärwinkel:
\[
h = 90^\circ - z
\]

---

\section{Mathematische Grundlagen und Rechenweg}

Da das Dreieck $\triangle ABC$ gleichschenklig ist mit $AB = AC = b$ und der abgelesenen Dreiecksseite $CB = s$, lässt sich der Zenitwinkel $z = \angle CAB$ auf zwei mathematische Wege bestimmen.

\subsection{Methode A: Über das Bogen-Sehnen-Verhältnis (Halbwinkelsatz)}

Halbiert man das gleichschenklige Dreieck durch eine Höhe auf die Basis $CB$, entsteht ein rechtwinkliges Dreieck mit der Gegenkathete $\frac{s}{2}$ und der Hypotenuse $b$:

\[
\sin\left(\frac{z}{2}\right) = \frac{\frac{s}{2}}{b} = \frac{s}{2b}
\]

Daraus folgt direkt für den Zenitwinkel $z$:
\[
z = 2 \cdot \arcsin\left(\frac{s}{2b}\right)
\]

\subsection{Methode B: Über den Kosinussatz}

Alternativ lässt sich der Kosinussatz im Dreieck $\triangle ABC$ anwenden:
\[
s^2 = b^2 + b^2 - 2 \cdot b \cdot b \cdot \cos(z) = 2b^2 - 2b^2 \cos(z)
\]
\[
s^2 = 2b^2 (1 - \cos(z)) \implies \cos(z) = 1 - \frac{s^2}{2b^2}
\]
\[
z = \arccos\left(1 - \frac{s^2}{2b^2}\right)
\]

---

\section{Konkretes Anwendungsbeispiel}

\subsection{Szenario}
Ein Astronom (z.\,B. um das Jahr 1550) misst mit einem Triquetrum die Höhe der Vega im Kulminationspunkt.

\begin{itemize}
    \item \textbf{Konstruktionsmaß des Instruments ($b$):}\\
    Der Standstab $AC$ und der Visierstab $AB$ sind genau $1000$ Skaleneinheiten lang:
    \[
    b = 1000 \text{ Einheiten}
    \]
    \item \textbf{Messwert ($s$):}\\
    Beim Anvisieren der Vega wird am unteren Maßstab $CB$ der Wert abgelesen:
    \[
    s = 485 \text{ Einheiten}
    \]
\end{itemize}

\subsection{Schritt-für-Schritt-Berechnung}

\subsubsection{Schritt 1: Anwendung der Halbwinkel-Formel}
\[
\sin\left(\frac{z}{2}\right) = \frac{s}{2b} = \frac{485}{2 \times 1000} = \frac{485}{2000} = 0{,}2425
\]

\subsubsection{Schritt 2: Bestimmung des Halbwinkels}
\[
\frac{z}{2} = \arcsin(0{,}2425) \approx 14{,}0367^\circ
\]

\subsubsection{Schritt 3: Berechnung des Zenitwinkels $z$}
\[
z = 2 \times 14{,}0367^\circ = 28{,}0734^\circ = 28^\circ 04' 24''
\]

\subsubsection{Schritt 4: Bestimmung der echten Sternhöhe $h$}
\[
h = 90^\circ - z = 90^\circ - 28{,}0734^\circ = 61{,}9266^\circ = 61^\circ 55' 36''
\]

\subsection{Ergebnis}
Das anvisierte Gestirn hat zum Zeitpunkt der Messung eine astronomische Höhe von **$61^\circ 55' 36''$** über dem Horizont.

---

\section{Zusammenfassung der Vor- und Nachteile im historischen Kontext}

\begin{table}[h]
\centering
\caption{Beurteilung des Triquetrums in der Frühen Neuzeit}
\begin{tabular}{p{7cm}p{7cm}}
\toprule
\textbf{Vorteile} & \textbf{Nachteile} \\
\midrule
Einfache Fertigung: Lineare Maßstäbe waren präziser herzustellen als kreisförmige Bögen. & Hohe Anfälligkeit für Verbiegung langer Holz- oder Messingstäbe bei Eigengewicht. \\
\addlinespace
Sehr hohe Genauigkeit bei großen Abmessungen (Stablängen von 2 bis 3 Metern). & Mechanisches Spiel in den drei Gelenken führt zu Messabweichungen. \\
\addlinespace
Direkte Nutzung von Sehnentabellen ohne aufwendige Winkelumrechnung am Gerät. & Aufwendigere mathematische Nachberechnung als beim direkt ablesbaren Quadranten. \\
\bottomrule
\end{tabular}
\end{table}

\end{document}
